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Essay: Eine vorläufige Kritik an Christensens Theorie der disruptiven Innovation

Christensens Theorie als Teil einer Innovationsphilosophie

Was ist an Christensen zu kritisieren? Die bedeutungsgebenden Instanzen – die sich eng mit dem Gebrauchswert verbunden sehen – prägen essenziell im Sinne von „noch nicht realisierten“ Möglichkeiten das Verstehen und den Umgang mit disruptiven Innovationen als Handlungsrahmen, sowohl unternehmensintern als auch markt- und kundenorientiert. Christensens Theorien sprechen diese prägende Dimension an, vertiefen sie jedoch nicht. Damit verliert er die Anschlussfähigkeit und damit das eigentliche Wesen innovativer Möglichkeiten aus den Augen.

Disruptive Innovationen gehen mit vielen „unbekannten“ Variablen einher, die sich nicht auf die technologisch-materielle Ebene beschränken. Die reine Hervorbringung und Umsetzung einer technologisch-materiellen Idee erschöpft nicht das Phänomen disruptive Innovation. Wie Christensen zeigt, wirken eine Reihe von Kräften, Kompetenzen, Werte auf diesen Prozess ein. Jedoch in diesem Streben einer „Innovationsphilosophie“, die sich laut Hans-Jörg Bullinger und Gerhard H. Schlick als das „Streben, den Sinn, das Wesen und die letzten Zusammenhänge des Innovations-Geschehens zu ergründen“[i] definiert, gilt es, sich dem eigentlichen Wesen „noch nicht gewordener“ Möglichkeiten und ihrem prägenden Einfluss auf Handlungs- und Wirtschaftsrealitäten eingehender anzunehmen.

Einer Beschreibung dieses Wesens, einer Betrachtung in eigener Sache, bleiben Christensens Thesen schuldig. Warum? Um den Bogen zur designwissenschaftlichen Relevanz dieses eigenen „Wesens“ innovativer Prozesse und ihrer prägenden Dimension zu schlagen, ist es wichtig, eine vorläufige Antwort auf diese Frage zu formulieren.

Innovationsgeschehen[ii] involviert eine Reihe von Ebenen, Tiefen und Dimensionen. „Bei Innovationen ist der wesentliche Erfolgsfaktor nicht die Ideen Generierung, sondern der Innovationsprozess.“[iii] Die bisherigen Erläuterungen haben sich dahingehend mit der Notwendigkeit eines tief gehenden Verständnisses unternehmenskultureller und marktorientierter Gebrauchswerte beschäftigt. Das vorderste Ziel war es, eine gewisse „Blindheit“ und „Schwerfälligkeit“ des Systems gegenüber den von „außen“ und „innen“ wirkenden Kräften nahezulegen. Um dieser unternehmensinternen „Blindheit“, „Schwerfälligkeit“, „Veränderungsresistenz“ und „Innovationshemmung“ entgegenzuwirken, bedarf es des Blicks von „außen“, wie bekräftigt wurde. Eine verändernde bzw. veränderte Perspektivität ist im Verstehen und Umgang mit disruptiven Innovationen vonnöten. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass diese Erkenntnis Christensen zu dem Lösungsvorschlag veranlasst, unternehmensintern unabhängige Strukturen zu schaffen, um den „noch nicht gewordenen“ Möglichkeiten Raum zu geben und somit der tendenziellen unternehmensinternen „Blindheit“ und „Schwerfälligkeit“ entgegenzuwirken. Zu diesem Resultat führen die bisherigen Erläuterungen.

Christensens Lösungsvorschlag geht jedoch nicht weit genug

Dafür sprechen die Kritikpunkte, die an Christensens Thesen geäußert werden. Als Hauptproblem stellt sich dar, dass Christensen der Frage nach der Akzeptanz und Anschlussfähigkeit disruptiver Innovationen ex post und nicht ex ante nachgeht; das heißt, dass er das Phänomen disruptive Innovation vornehmlich in der Rückschau und nicht vorausschauend betrachtet. Grund hierfür ist, dass Christensen sich in der Theoriebildung primär für die Umstände disruptiver Innovationsprozesse interessiert: „Wir können einer Theorie nur dann vertrauen, wenn sie eine Aussage darüber trifft, wie man auf veränderte Umstände reagieren sollte.

Dies ist einer der Hauptgründe dafür, warum der Erfolg von Innovationsprojekten so zufällig scheint: Die schlampige Bildung von Kategorien hat zu Standardrezepten geführt, die wiederum unter bestimmten Umständen die falschen Ergebnisse hervorbringen. Vorhersagbar werden Phänomene erst dann, wenn die Umstände des Denkens und Handelns berücksichtigt werden.“[iv] Die These der vorliegenden Arbeit ist, dass ein tief gehendes Verständnis der Umstände zwar wichtig und notwendig ist, um Handlungsrahmen für „noch nicht gewordene“ Produkte, Bedürfnisse, Kompetenzen, Werte, Kulturen etc. zu schaffen. Jedoch dieser „zu entwerfenden“ Handlungsrahmen sieht sich zugleich auf der (sprachlichen, bildnerischen) Wahrnehmungsebene kontinuierlich mitentworfen: in Antizipation der kommunikativen Anschlussfähigkeit „noch nicht gewordener“ Möglichkeiten, die den Handlungsrahmen ex ante prägen. Verstehen von und Umgehen mit Innovationsgeschehen beschränkt sich nicht auf das Verstehen von und Umgehen mit Situationen. Es bedarf außerdem des Verstehens von und Umgehens mit bedeutungsstiftenden Instanzen und Prozessen (Design). Die Wichtigkeit dieser bedeutungsgebenden Dimension und ihrer vorformenden Kraft ergibt sich in der Vorausschau und nicht in der Rückschau. In diesem Punkt unterscheidet sich die Perspektive des Designers von der des Betriebswirts.

Der Betriebswirt begreift „Anschlussfähigkeit“ im Sinne vorausgegangener, bewährter Entwicklungen und was aus diesen zu lernen ist, um sie strategisch „anwendbar“ auf zukünftige Situationen zu beziehen (Fokus auf deskriptive/präskriptive Funktion). Der Designer hingegen strebt danach, diesen „Bezug“ als kommunikativen Akt zu begreifen, im Sinne eines Vorgriffs, der dennoch den ökonomischen und sozialen Realitäten zugewandt bleibt („Anschlussfähigkeit“).

Die bedeutungsstiftenden Instanzen der Vorausschau und des Vorgriffs, welche die „noch nicht gewordene“ Situation antizipieren, stehen im Mittelpunkt des Interesses des Designers (prädikative Funktion). Der normative Anspruch Christensens geht von gefestigten Prämissen und handlungsorientierten Aussagen aus. Im Fokus auf deskriptive Aspekte (empirische Datenerhebung, Bemühen um ein tief gehendes Verständnis unternehmensinterner Prozesse, Strukturen und Werte, sowie kunden- bzw. marktorientierte Ansätze) und präskriptive Lösungsansätze verliert die Theorie Christensens die prädiktive Funktion im Verstehen von und Umgang mit innovativen Prozesse aus den Augen.

The Innovator‘s Dilemma nach Clayton M. Christensen

 

Jenseits der deskriptiv-präskriptiven Grenzen von Christensens Model

Die prädiktive Funktion beschränkt sich maßgeblich auf Schlüsse und Aussagen, die von den Thesen und Fallbeispielen Christensens selbst gestützt werden. Zur Schaffung „explorativer“ Räume scheint es jedoch notwendig, die prägenden Einflüsse „noch nicht gewordener“ innovativer Prozesse, Werte und Felder genauer zu untersuchen, anstatt sie im Prozess der wissenschaftlichen Beobachtung von vornherein den engen Grenzen eines theoretisch vorgefassten Handlungsrahmens normativ zu unterwerfen und damit in ihrem eigentlichen Wesen, Können und Einfluss zu schmälern.

Die Kritiker Christensens und seiner Theorie der disruptiven Innovation haben auf diesen Aspekt verschiedentlich hingewiesen, am deutlichsten Erwin Danneels: „Christensen has been accused of cherry-picking examples to support his framework.[…] Even though Christensen never claims that all (potentially) disruptive technologies succeed, his exclusive selection of those that did present an analytical problem.“[v] Laut Danneels misst sich eine Theorie an ihrer Aussagekraft auf zukünftige Entwicklungen und Ereignisse. Christensens Vorschlag, prädikative Aussagen an der Diskrepanz zwischen „tatsächlichen“ und „intendierten“ Gebrauchswerten festzumachen, greift für Danneels zu kurz: „[E]x ante predictions involve predicting what performance the market will demand along various dimensions and what performance levels technologies will be able to apply. It is not clear entirely what methods exist for such prediction.“[vi]

Vijay Govindarajan und Praveen K. Kopalle vertreten die These, dass die markterneuernde Kraft einer disruptiven Innovation tatsächlich erst im Nachhinein, das heißt nach ihrer Einführung und Behauptung auf dem Markt, bestimmt werden kann. Aus diesem Grund schlagen sie vor, zwischen der markterneuernden Kraft einer disruptiven Innovation per se und der Fähigkeit eines Unternehmens, disruptive Technologien zu entwickeln, (Unternehmenstyp) zu unterscheiden.

Diese Unterscheidung erlaubt, Erkenntnisse, die in der Rückschau erworben wurden, in Bezug auf die Vorausschau möglicher Entwicklungen nutzbar zu machen: „In this regard, we view disruptiveness of innovations as a latent (i.e., unobservable ex ante), but outcome-level, variable, which in turn is affected by organizational-level abilities. In summary, we believe the disruptive-technology framework does indeed help us make ex ante predictions.”[vii] Govindarajan und Kopalle re-fokussieren die Theorie Christensens in Richtung prädikative Funktion, jedoch unzureichend. Es bleibt unklar – wie das Zitat von Danneels bekräftigt – welche Methoden sich tatsächlich eignen, um Innovationsgeschehen aus der Ex-ante-Perspektive und auf seine prädikative Funktion hin zu analysieren.

Schumpeters Charakterisierung des Unternehmertyps

und der Unternehmerfunktion in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie zeigt, warum: „Solche neue Dinge zu unternehmen ist schwierig und begründet eine besondere ökonomische Funktion, erstens weil es außerhalb der Routine-Aufgaben liegt, auf die sich jeder versteht, und zweitens wegen der mannigfachen Widerstände der Umwelt-, sie wechseln je nach den sozialen Bedingungen von einer einfachen Weigerung, etwas Neues zu finanzieren oder zu kaufen, bis zum physischen Angriff gegen den Mann, der die Produktion wagt.

Zuversichtlich außerhalb der vertrauten Fahrrinne zu navigieren und diesen Widerstand zu überwinden, verlangt Fähigkeiten, die […] sowohl den Unternehmertyp wie auch die Unternehmerfunktion ausmachen. Diese Funktion besteht in ihrem Wesen weder darin, irgendetwas zu erfinden, noch sonstwie Bedingungen zu schaffen, die die Unternehmung ausnützt. Sie besteht darin, dass sie Dinge in Gang setzt.“[viii] Was Schumpeter hier mit „Bedingungen schaffen, die die Unternehmung ausnützt“ beschreibt, zielt eindeutig auf den Handlungsrahmen, die Situation, die es gilt, strategisch auszulegen und aus ihr in Bezug auf entstehende, zukünftige „Handlungsrahmen“ zu lernen.

Der Unternehmertyp oder die Unternehmerfunktion hingegen sieht sich vorausschauend und visionär gefordert. Er/sie greift den „noch nicht gewordenen“ Möglichkeiten und Handlungsrahmen vorweg, indem er/sie „die Dinge in Gang setzt“. Schumpeter verweist im Anschluss, jedoch, ebenfalls darauf, dass diese soziale Funktion des vorausschauenden und vorwegnehmenden unternehmerischen Handelns an Bedeutung verliert: „[D]as Erfinden selbst ist zu einer Routinesache geworden. Der technische Fortschritt wird in zunehmenden Maße zur Sache von geschulten Spezialistengruppen, die das, was man von ihnen verlangt, liefern und dafür sorgen, dass es auf die vorausgesagte Weise funktioniert.[…] So zeigt der wirtschaftliche Fortschritt die Tendenz, entpersönlicht und automatisiert zu werden.“[ix]

Das Phänomen der disruptiven Innovation indessen weist die Grenzen dieses entpersönlichten und automatisierten, auf Ex-post-Analysen basierten Ansatzes auf. Das Scheitern erfolgreicher Unternehmen an disruptiven Innovationen betont die Gefahr, die Anschlussfähigkeit im Innovationsgeschehen zu verlieren.

Wenn Danneels davon spricht, dass eine Theorie sich an ihrer prädiktiven Funktion messen lassen muss, hat er diese Anschlussfähigkeit im Sinn.

Christensens Thesen nehmen sich der prädiktiven Funktion an, ohne Frage. Seine Ausführungen zu Gebrauchswerten sind erhellend und wertvoll. In der Kritik steht jedoch, dass er die Anschlussfähigkeit und damit das eigentliche Wesen innovativer Möglichkeiten aus den Augen verliert. Die bedeutungsgebende Instanz (Anschlussfähigkeit) spielt eine wichtige Rolle im handlungsorientierten Ansatz von Christensen, wie erläutert wurde. Jedoch sieht sich die einflussnehmende, prägende Kraft „noch nicht realisierter“ Möglichkeiten nicht voll entfaltet. Sie beschreibt als präskriptive Funktion, Dispositionen und vermittelt darin zwischen Handlungsbasis (Unternehmenswerte, Gebrauchswerte) und Handlungsanweisung (Strategie). In dieser Rolle entfaltet sie ihren kommunikativen Wert in Bezug auf das Phänomen disruptive Innovation: ein kommunikativer Wert, der ex ante oder ante actu dem Handlungsrahmen vorauseilt und ihn darin essenziell mitbestimmt.

Dieser Aspekt der Vorausschau oder des Vorgriffs ist in Christensens Thesen lediglich angedacht.

 

Endnoten

[i] Bullinger, Hans-Jörg/Schlick, Gerhard H.: Wissenspool Innovation. Kompendium für Zukunftsgestalter: Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main, 2002, S. 98.

[ii] Bullinger und Schlick definieren Innovationsgeschehen im dynamischen Sinne als: „Gesamtheit aller Ereignisse/Phänomene im Zusammenhang mit Neuerungen, wie etwa: die Einflussfaktoren, die Strukturen, die Prozesse, das Umfeld, das Management, die Methoden.“ Bullinger, Hans-Jörg/Schlick, Gerhard H.: Wissenspool Innovation. Kompendium für Zukunftsgestalter: Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main, 2002, S. 54 f.

[iii] Vgl. Christensen, Clayton M./Raynor, Michael E.: Marktorientierte Innovation. Geniale Produktideen für mehr Wachstum: Campus Verlag, Frankfurt, München, 2004, S. 16.

[iv] Christensen, Clayton M./Raynor, Michael E.: Marktorientierte Innovation. Geniale Produktideen für mehr Wachstum: Campus Verlag, Frankfurt, München, 2004, S. 22.

[v] Danneels, Erwin: Disruptive Technology Reconsidered. A Critique and Research Agenda, in: Journal of Product Innovation Management, Hoboken, New Jersey, Volume 21, July 2004, S. 246-258, S. 250;

Vgl. Cohan, Peter S.: The Dilemma of the Innovator’s Dilemma: Clayton Christensen’s Management Theories Are Suddenly All the Rage, but Are They Ripe for Disruption?, in: Industry Standard, Volume 10, January 2000, unter: https://www.computerworld.com.au/article/63941/dilemma_innovator_dilemma_/Stand 02.03.2016; 10:10 Uhr];

Cohan, Peter S.: A New Challenge to Disruption Theory (and a Better Idea for Dealing With New Technology), in: Enterpreneur, 25.06.2014, unter: https://www.entrepreneur.com/article/23507 [Stand: 02.03.2016; 10:14 Uhr];

Govindarajan, Vijay/Kopalle, Praveen K.: The Usefulness of Measuring Disruptiveness of Innovations Ex Post in Making Ex Ante Predictions, in: Journal of Product Innovation Management, Hoboken, New Jersey, Volume 23, January 2006, S. 12-18;

Charitou, Constantinos D./Markides, Constantinos C.: Responses to Disruptive Strategic Innovation, in: Sloan Management Review, Cambridge, Massachusetts, Volume 44, Number 2, 2003, S. 55-63;

Markides, Constantinos C.: Disruptive Innovation. In Need of Better Theory, in: Journal of Product Innovation Management, Hoboken, New Jersey, Volume 23, January 2006, S. 19-25;

Markides, Constantinos C./Geroski, Paul: Fast Second. How Smart Companies Bypass Radical Innovation to Enter and Dominate New Markets: Jossey-Bass, San Francisco, 2005.

[vi] Danneels, Erwin: Disruptive Technology Reconsidered. A Critique and Research Agenda, in: Journal of Product Innovation Management, Hoboken, New Jersey, Volume 21, July 2004, S. 246-258, S. 251. Danneels nennt als Beispielstudien: Doering, Don S./Parayre, Roch: Identification and Assessment of Emerging Technologies, in: Day, George S./Schoemaker, Paul J. H./Gunther, Robert E. (Hrsg.): Wharton on Managing Emerging Technologies: Wiley, New York, 2000, S. 75-98; Rowe, Gene/Wright, George: The Delphi Technique as a Forecasting Tool. Issues and Analysis, in: International Journal of Forecasting, Amsterdam, Volume 15, Number 4, 1999, S. 353-375.

[vii] Govindarajan, Vijay/Kopalle, Praveen K.: The Usefulness of Measuring Disruptiveness of Innovations Ex Post in Making Ex Ante Predictions, in: Journal of Product Innovation Management, Hoboken, New Jersey, Volume 23, January 2006, S. 12-18, S. 12.

[viii] Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 5. Aufl.: Francke Verlag, München, 1980, S. 215.

[ix] Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 5. Aufl.: Francke Verlag, München, 1980, S. 215 f.

© Dr. K.Kuenen, 2018

 

 

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